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05.03.2018

Chinas Urbanisierungsstrategie - ein Modell für andere Staaten

Bucerius Greater China Talk: Die Stadt als Ort und Ziel chinesischer (Entwicklungs-)Politik

Der Stadtplaner und Architekt Christian Junge hat am 22. Februar 2018 auf Einladung der Greater China Regionalgruppe des Bucerius Alumni e.V. die der Urbanisierung in China zugrunde liegenden Mechanismen und Modelle beleuchtet. Junge hat in Peking für fünf Jahre städtebauliche Projekte chinesischer Kommunen entwickelt und betreut. In einem facettenreichen Vortrag wurden persönliche Erfahrungen mit einer wissenschaftlichen Analyse der chinesischen Stadtentwicklungspolitik verknüpft.

Anders als in den meisten westlichen Industrieländern komme der Stadtplanung in China eine zentrale Bedeutung bei der Steuerung des sozio-ökonomischen Fortschritts zu. Die Stadtentwicklung könne im Wesentlichen durch vier Modelle erklärt werden, die teilweise durch langfristige politische Planungen der chinesischen Regierung flankiert würden. Das erste Entwicklungsmodell entspreche dem westlicher Industrieländer, in denen Stadt vor allem als Rahmen für wirtschaftliche Aktivitäten verschiedener Art diene. Die Menschen migrierten vom Land in die Stadt, den Arbeitsplätzen folgend. Im zweiten Modell diene das Bauen der Stadt selbst als Motor wirtschaftlicher Aktivität; hierzu zählten sowohl Infrastrukturprojekte als Katalysatoren als auch die Bauwirtschaft im Allgemeinen, die zum großen Teil von Wanderarbeitern vom Land getragen werde. Genauso spiele aber auch die Umwandlung von Agrarland in Bauland eine Rolle, mit Hilfe derer die Kommunen wichtige Einnahmen erzielten, die zum Teil wiederum in Bautätigkeit flössen. Es stelle sich jedoch die Frage, wie nachhaltig ein solches „perpetuum mobile“ langfristig sein könne. Premier Lis „Urbanisierung des Neuen Stils“ hätte deshalb ein drittes Modell befördert, bei denen soziale Einrichtungen und die Lebensqualität von Städten im Mittelpunkt stünde. In solchen „kreativen Städten“ folge die Arbeit nunmehr den (gut ausgebildeten) Menschen, die sich in diesen Städten niederließen. Damit einhergehend würde der Fokus vermehrt auf die Sanierung von Bestandsgebäuden gelegt. Gleichwohl herrsche dabei in China, im Gegensatz zum Westen, ein relativ unkritisches Bild von Fortschritt vor, in dem Spannungen und Veränderungen positiv belegt seien.

Ein viertes Modell sieht Junge im Export der chinesischen Urbanisierung in Entwicklungs- und Schwellenländer. Insbesondere im Rahmen der One-Belt One-Road Initiative würde versucht, die Erfolge vor allem des zweiten Entwicklungsmodells entlang der neuen Seidenstraßen zu wiederholen.

Für eine erfolgreiche deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit China in der Urbanisierung mahnte Junge an, dass mehr Verständnis für die sich fundamental unterscheidenden politischen, sozialen und kulturellen Prämissen aufgebracht werden müsse.

An den Vortrag schloss eine Diskussion von Junges Thesen an, die sich bei „Brezeln und Wein“ noch lange fortsetze.

Text: Stephan Kuntner und Maximilian Kunzelm; Fotos: Fabian Hoell